GB / USA 2007
Regie : Anton Corbijn
Darsteller : Sam Riley, Samantha Morton, Alexandra Maria Lara ...
Ian Curtis wächst in den 70er Jahren in einem tristen Vorort Manchesters auf, schreibt Gedichte und träumt den ewigen Teenagertraum, einmal ein Glam-Star wie David Bowie zu werden. Den einzigen Ausweg aus dem kleinbürgerlichen Elternhaus bieten Pubbesuche, vereinzelte Drogenexperimente und die Liebe zu Debbie, die Ian mit 19 heiratet. Er bekommt einen Job als Sachbearbeiter beim örtlichen Arbeitsamt und sein Leben scheint ebenso vorgezeichnet, wie das seiner Eltern. Die Wende bringt ein Konzert der Sex Pistols: Ian schliesst sich als Sänger einer wenig erfolgreichen Band an und die vier beschliessen, mit wenig Können und dafür einer riesigen Portion Enthusiasmus ausgestattet, Punkrockstars zu werden. Starthilfe gibt Debbies Haushaltskasse. Die Band macht schnell auf sich aufmerksam, was vor allem an Ians tiefer Stimme, seinen ungewöhnlichen Texten und vor allem seiner charismatischen Bühnenpräsenz liegt. Schnell stellt sich Erfolg ein und Ians Traum scheint wahr zu werden. Dann bricht er jedoch nach einem Konzert zusammen, die Ärzte diagnostizieren Epilepsie und Ian muss starke Medikamente nehmen.
Daneben bekommen Ian und Debbie eine Tochter und Ian ist hin und hergerissen zwischen dem Leben eines ambitionierten Rockmusikers und den Ansprüchen einer jungen Familie. Er entfremdet sich immer mehr von seiner Frau und lernt auf einem Konzert schliesslich die mondäne Annick kennen. Beide verlieben sich heftig ineinander, doch Ian kann sich nicht von seiner Familie trennen, was heftige Schuldgefühle in ihm wachruft.
Mit der Band scheint es jedoch aufwärts zu gehen. JOY DIVISION beschreiten musikalisch neue Wege und erspielen sich schnell eine ständig wachsende Fangemeinde. Mit dem Erfolg nimmt jedoch auch der Druck auf die Band zu und Ian fürchtet zusehends die kreative Kontrolle an Produzenten und Manager zu verlieren. Zudem häufen sich auch noch seine Anfälle, die vom Publikum teilweise als Showeinlage gewertet werden und Ian verfällt, auch angefacht durch die star-

ken Medikamente, in tiefe Depressionen. Das Ende der Geschichte ist bekannt: Am 18. Mai 1980 erhängt sich Ian Curtis im Alter von 23 Jahren in seinem Haus in Manchester, zwei Tage vor einer geplanten Amerika-Tournee, die JOY DIVISION den internationalen Durchbruch bescheren sollte. Die übrigen Musiker wagen unter dem Namen NEW ORDER einen ernorm erfolgreichen Neuanfang, Debbie Curtis verarbeitet ihre Erlebnisse in einem Buch, Annick Honore kehrt der Musikszene völlig den Rücken und JOY DIVISION verbleiben als ein musikalischer Monolith der 80er Jahre, der bis heute unzählige Musiker beeinflusst hat.
Zu ihren ersten Fans gehörte auch ein junger, holländischer Fotograf namens Anton Corbijn, den die aufkommende Punkbewegung nach England zog. Seine frühen Fotos von JOY DIVISION prägten nicht nur die Ästhetik der damaligen Zeit, sondern bildeten auch den Grundstein für eine Karriere als hochbezahlter Fotograf, desen Bilder mittlerweile die Plattencover von U2, Depeche Mode, Metallica, R.E.M. und Herbert Grönemeyer (!) zieren und vor dessen Linse die Prominenten dieser Welt Schlange stehen.

Für Corbijn dürfte es also naheliegend gewesen sein, für sein Spielfilmdebüt eine Geschichte zu wählen, die so eng mit seiner eigenen verknüpft ist.
Hierbei ist es ein interessanter Aspekt, dass gerade Corbijns frühe schwarzweiss Fotos die spätere Wahrnehmung von JOY DIVISION dermassen beeinflusst haben, dass Farbfotos der Band beinahe unwirklich erscheinen. Die Welt JOY DIVISIONS ist schwarzweiss und nun schlägt diese Ästhetik wiederum auf Corbijns Film zurück, denn dieser ist in demselben expressiven Schwarzweiss gehalten.

In manchen Einstellungen rezitiert Corbijn einige seiner berühmten Photos von Ian Curtis. Dies ist jedoch der einzige Punkt, an dem man dem Regisseur eine gewisse Anbiederung vorwerfen könnte. Ansonsten umschifft er gekonnt die Gefahren, die seine grosse Nähe zu der Geschichte birgt. Anders, als man es von einem "Rockfotografen" erwarten würde, erzählt Corbijn nicht die Geschichte von JOY DIVISION oder gar seiner eigenen Jugend, sondern er konzentriert sich ganz auf die Person Ian Curtis, ohne diesen in irgendeiner Weise auf einen Podest zu stellen. CONTROL erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der zwischen Ausbruch und kleinbürgerlichem Zuhause zerrisen und nur beinahe beiläufig der Kopf einer der innovativsten und wichtigsten Bands überhaupt ist. Dies macht den Film sicherlich auch für Leute interessant, die nicht mit der Musik und Geschichte JOY DIVISIONS vertraut sind.
Vor dem Hintergrund, dass es sich um keinen Musikfilm und kein Bandportrait im eigentlichen Sinne handelt, stellt Corbijn jedoch auch Menschen wie mich zufrieden, für die u.a. JOY DIVISION massgeblich den Soundtrack der Jugend lieferte und die mit Ian Curtis subjektive Vorstellungen und Empfindungen verbinden. Ebensowenig wie er Ian Curtis auf ein Podest hebt, so wenig kratzt Corbijns Film am Denkmal und dies ist seiner hervorragenden Besetzung zu verdanken, allen voran Newcomer Sam Riley. Dieser besitzt nicht nur eine frappierende Ähnlichkeit mit Curtis, sondern imitiert perfekt Gestik, Mimik und nicht zuletzt dessen charakteristischen Ge-
sangsstil. Riley bietet eine Performance, die ihn sicherlich bald in die erste Riege der Schauspielzunft befördern wird. Auch die übrigen Darsteller besitzen eine verblüffende Ähnlichkeit mit ihren Vorbildern. Die Tatsache, dass sie sich entschlossen, auf Playback zu verzichten und alle Lieder selbst einzuspielen (wozu sie teilweise erst die Instrumente lernen mussten), verleiht vor allem den Konzertaufnahmen eine enorme Authentizität und man hat oft den Eindruck, Originalmaterial zu sehen.
CONTROL ist ein "kleiner" Film, der artverwandten Grossproduktionen wie "Ray" oder "Ring of Fire" in nichts nachsteht, diese an Intensität vielleicht sogar überbeitet und letztlich ist er dann doch ein Denkmal für eine der grössten Bands aller Zeiten geworden.
http://www.control-film.de
 
Bestellen :
   
 
Kontakt fuer Fragen, Anregungen, zusaetzliche Infos und Kritik : hier
copyright © 2002 - 2008 Jörg Overbeck