USA 2006
Regie : Paul Rachman
Darsteller : Keith Morris, HR, Ian MacKaye, Henry Rollins ...
Wenn Ihr auch schonmal das Vergnügen hattet, mit Leuten von "Negazione" vor einer Horde prügelnder Bullen zu flüchten, mit den "Toxic Reasons" um die Wette getrunken, mit "Verbal Assault" um die Wette gekifft und mit den "Zero Boys" auf einem alten Türrost Würstchen gegrillt habt, wenn Ihr Euch auch schonmal mit den Roadies von "UK Subs" zuerst geprügelt und dann betrunken und früh morgens mit "Bad Religion" über die Folgen des Mauerfalls diskutiert oder gegen "HOA" Fußball gespielt habt, wenn Ihr solche oder ähnliche Geschichten erlebt habt, dann wisst Ihr, daß der Begriff "Hardcore" nicht nur mit Filmen aus dem Bereich der Erwachsenenbildung zu tun hat.
Regisseur Paul Rachman und Steven Blush, Autor des gleichnamigen Buches, haben sich etwa zwanzig Jahre nach dem Ende der ersten Hardcore-Welle auf die Spuren ihrer eigenen Jugend gemacht und lassen Protagonisten dieser Zeit über die damalige Szene sprechen. Und was diese Leute zu berichten wissen, macht nicht nur dem Zuschauer Spass ("Ich dachte, die bringen sich um. Da wollte ich unbe-
dingt mitmachen!"), sondern auch die Befragten hatten sichtlich Freude an den Arbeiten zu dem Film und plaudern launig aus dem Nähkästchen. Die Tatsache, daß die Macher selber aus der Szene stammen, entlockt den Interviewten manche Anekdote, die sie einem Aussenstehenden sicher nicht erzählt hätten. Ian MacKaye berichtet, wie man früher bei Dischord jede einzelne Plattenhülle einzeln ausgeschnitten und zusammengeklebt hat, Harley Flanagan erzählt vom Leben in der Nachbarschaft von Junkies und messerstechenden Puertoricanern, Henry Rollins läßt seine frühen Jahre und seine Zeit bei "Black Flag" Revue passieren und Keith Morris ist klug und sarkastisch wie eh.
Keith Morris Heimlicher Star des Filmes ist aber sicher Jack Grisham, Sänger von TSOL, einer meiner damaligen Lieblingsbands, der nach seiner Kandidatur für das Amt des Gouverneurs von Kalifornien sichtlich gut gelaunt und smart as shit von seiner Zeit als damals weithin gefürchteter Gewalttäter erzählt.
Aber auch Leute aus der "zweiten Reihe" kommen zu Wort, wie etwa der ehemalige Roadie von "Black Flag", der von zu Hause ausriss und mit dem Geld aus seinen Anteilen bei SST mehrfacher Millionär wurde ("Ich investierte früh in Technologie!").
Und natürlich steht die grossartige Musik im Mittelpunkt, wobei zwar pflichschuldigst den "Bad Brains" und "Black Flag" gehuldigt wird, aber auch ge-
meinhin unbekanntere Bands und Szenen ihre verdiente Würdigung erhalten, wie z.B. die Bostoner Szene um "SDD" und "DYS" und auch die Texaner mit "MDC". Besonders hier merkt man den Machern ihre Liebe zur Musik und ihre interne Kenntnis der Szene an.
Einige Kritiker warfen dem Film fehlende Distanz zur Gewalt vor, aber warum sollte man sich davon auch distanzieren? Die Hardcore-Szene war stets latent gewalttätig und deshalb waren auch Frauen immer unterrepräsentiert. Na und? Wenn man auf ein Konzert fuhr, wußte man nie, ob man auch heil zurückkam. Genau deshalb fuhr man ja dahin! Wer damals echte Probleme mit Gewalt hatte und irgendwie sowieso lieber mit Frauen rumhing, wurde Öko.
Von daher bietet der Film weniger eine soziologische Analyse (zum Glück!), sondern ist in erster Linie ein Riesenspaß, für alle, die dabei waren und schon immer wissen wollten, wie es alten Bekannten so geht.
Jack Grisham
Wer nicht dabei war und der Meinung ist, MTV-Clowns wie "Blink 182" hätten irgendwas mit Punk zu tun, dem seien die 100 Minuten dieses Films zur Nachhilfe ans Herz gelegt.
HR Henry Rollins
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