JUNG CHANG / JON HALLIDAY : Mao
Blessing Verlag

Auf der Liste der grössten Massenmörder aller Zeiten nimmt Mao Tse-Tung vermutlich den ersten Platz, noch vor Hitler und Stalin, ein. Man schätzt, dass seinem Machtstreben etwa 70 Millionen seiner Landsleute zum Opfer fielen, in Friedenszeiten wohlgemerkt. Nach seinem Tod im Jahre 1976 ging es allen Chinesen bedeutend schlechter als vor der kommunistischen Revolution. Die Wirtschaft lag am Boden, das kulturelle Leben des Landes war weitestgehend ausgelöscht, die Bevölkerung lebte in Angst und Schrecken. Trotzdem fördert die heutige kommunistische Partei Chinas immer noch den Personenkult um Mao und selbst im Westen geniesst er noch den Ruf eines weisen und fähigen Staatsmannes. Vor allem übernahm der Westen unhinterfragt das Bild, das Mao von sich selbst zu erschaffen wusste. Dieses Bild wurde bislang massgeblich geprägt von Edgar Snows Buch "Roter Stern über China" über die Anfänge der kommunistischen Revolution und Maos Aufstieg zum Herrscher über das Reich der Mitte, in dem Snow jedoch bereitwillig und unreflektiert alles übernahm, was Mao ihm diktierte. Schliesslich brauchte die westliche Linke nach der Ernüchterung über die Säuberungen in der

stalinistischen Sowjetunion ein positives Beispiel für eine "gelungene" Revolution im Gegensatz zum "bösen" Kommunismus Russlands. Doch nicht nur Linke gingen Maos Propaganda auf den Leim. Selbst Richard Nixon, ansonsten der Anfälligkeit für klassenkämpferische Theorien eher unverdächtig, liess sich von Maos selbstkonstruiertem Mythos blenden und sah in ihm einen möglichen Verbündeten gegen die UDSSR. Dass Mao die Welt so geschickt täuschen konnte, liegt an dem gnadenlosen Terror und der daraus resultierenden permanenten Angst, unter der die chinesische Bevölkerung und selbst führende Kader der KPC lebten und wohl auch an einer romantischen Verklärung, die alles, was aus Asien kommt, im Westen geniesst. So ist es nur logisch, dass eine chinesische Autorin die Aufgabe übernehmen musste, das Bild Maos zurechtzurücken. Zwölf Jahre lang arbeitete Jung Chang, Autorin des Welterfolges "Wilde Schwäne", zusammen mit ihrem Mann, dem Historiker Jon Halliday, an dem Buch, durchforschte Archive und führte unzählige Gespräche mit Zeitzeugen. Um einen Mythos zu stürzen, muss man sich sehr gut absichern und so ist die Zahl der angeführten Quellen beindruckend. Fast jede Aussage des Buches ist irgendwo belegt. Das Verdienst der Autoren besteht in der chronologischen Aneinanderreihung und Auflistung von Fakten, die selbst im Westen schon immer irgendwo verfügbar waren, jedoch einzeln betrachtet aus den angeführten Gründen offensichtlich verdrängt wurden. Und so entsteht das erschreckende Bild eines Mannes, der seinem persönlichen Machtstreben das Wohl der grössten Nation der Erde opferte, jedoch aufgrund seiner Brutalität und Menschenverachtung und nicht zuletzt seines geschickten Spieles mit den (ausländischen) Medien, selbst seine zahlreichen Misserfolge und Fehlleistungen als vermeintliche Erfolge darzustellen wusste.
Schon als Kind fühlte sich Mao, Sohn armer Bauern, zu Höherem berufen und verachtete das bäuerliche Leben zutiefst. Mao war durchaus kein Gründungsmitglied der kommunistischen Partei Chinas, sondern stiess erst später dazu, weil er in der noch jungen Partei ein ideales Betätigungsfeld für seinen überbordenden Ehrgeiz sah. Schon damals fiel er seinen Genossen durch eine profunde Unkenntnis der kommunistischen Theorie auf.
Diese Unsicherheit machte Mao jedoch durch seine Fähigkeit, die Schwächen seiner Mitmenschen zu erkennen und einen Charakter, der von keinerlei Skrupeln und moralischen Schranken geprägt war wett und so gelang es ihm, innerhalb der Partei aufzusteigen und das Kommando über grosse Teile der kommunistischen Armee zu bekommen. Konkurrenten spielte er gegeneinander aus und liess sie aus dem Weg räumen. Schon früh offenbarte er hierbei seine Unbarmherzigkeit und Gefühlskälte, die selbst vor engsten Mitgliedern seiner eigenen Familie nicht halt machte.
Im Gegensatz zu seiner Legende führte Mao nie einen antiimperialistischen Kampf gegen die japanischen Besatzer, sondern zog es vor, während andere kommunistische Generäle sich duchaus am Kampf beteiligten, seine Truppen für den zu erwartenden Endkampf um die Macht zu schonen. Auf der anderen Seite war er später durchaus bereit, seine Armee zu opfern. So war der "Lange Marsch" nicht das leuchtende Beispiel des kommunistischen Befreiungskampfes,sondern entsprang zum einen Maos militärischer Inkompetenz, zum anderen aber auch dem Kalkül, Stalin würde ihn unterstützen, wenn er nur genug seiner Truppen sinnlos opferte. Dass trotzdem überhaupt noch Angehörige von Maos Truppe überlebten, liegt vor allem daran, dass sein Gegenspieler Chiang Kai-shek genau diese Strategie erkannt hatte und bewusst darauf verzichtete, Mao zu vernichten.
Auf der anderen Seite lagen die Ursachen für Chiangs spätere Niederlage nicht in Maos Stärke, sondern vielmehr in Chiangs eigener Führungsschwäche und seiner Zögerung, seine eigenen Reihen von kommunistischen Spionen und Schläfern zu säubern. Mao wiederum kannte hier keinerlei Skrupel und so war das Leben in den kommunistischen Gebieten durchaus nicht das kommunistische Paradies, als das es Edgar Snow beschrieb, sondern war das Ergebnis eiskalten Terrors und willkürlicher Gewalt. Die Bauern, die Mao ohnehin verachtete, wurden nicht befreit, sondern von den Kommunisten ausgeplündert und Menschen wurden auf bestialische Weise ermordet, einfach nur um eine gewisse Quote an Tötungen zu erzielen. Dieser Terror wurde nach dem Sieg Maos auf ganz China ausgeweitet.
Der "grosse Sprung nach vorn", wie Mao seine Politik selbst verklärte, bestand hauptsächlich in Maos, letztlich vergeblichem, Streben, China zu einer militärischen und politischen Weltmacht zu machen. Allerdings hatte Mao selbst keinen blassen Schimmer von Wirtschaftspolitik und so gipfelte "der grosse Sprung nach vorn" in der vermutlich grössten Hungerkatastrophe, die die Menschheit je erlebte. Während Mao grosszügig Geld und Lebensmittel an durchaus vermögendere Nationen veschenkte, um sich als Führer der kommunistischen Welt zu präsentieren, starben über 30 Millionen chinesischer Bauern an Unterernährung. Mao unterdrückte jede Form von Protest mit riesigen "Säuberungsaktionen" und das Hauptproblem sah er auch hier vor allem darin, dass nicht genügend Menschen getötet wurden. Er selbst liess Hinrichtungen filmen und erlebte beim Ansehen der Filme "eine nie gekannte Ekstase". Seine Gleichgültigkeit gegenüber seinen Mitmenschen gipfelte in seinem Streben nach der Atombombe. Um dieses Ziel zu erreichen, versuchte er mehrmals ein atomares Bedrohungsszenario aufzubauen und die Sowjetunion in einen Konflikt mit den USA zu treiben, wobei er den sowjetischen Führern erklärte, China sei durchaus bereit als Austragungsort für einen nuklearen Schlagabtausch zu dienen. Maos Verhalten wurde selbst einem ausgewiesenen Massenmörder wie Stalin zusehends suspekt und führte schliesslich unter Stalins gemässigteren Nachfolgern zum entgültigen Zerwürfnis mit der Sowjetunion, dass jedoch von Mao durchaus gewollt war, da er sich selbst schon lange als wahren Führer der kommunistischen Welt sah.
Mit der Zeit wurden jedoch selbst in China innerhalb der Führung der KP Stimmen laut, die Maos Kurs anzweifelten. Mao initiierte daraufhin die "Kulturrevolution", eine weitere, gigantische Säuberungsaktion, bei der er sich besonders auf die desillusionierte Jugend Chinas stützte und ihre Unzufriedenheit ausnutzte, um oppositionelle Stimmen im Lande zum Schweigen zu bringen. Auch Jung Chang war Mitglied der sogenannten "Roten Garden", auf deren Konto unvorstellbare Grausamkeiten im ganzen Lande gingen. Seine internen Kritiker verfolgte Mao mit Rachsucht, liess sie zur Schau stellen, foltern und beseitigen. Selbst Maos Anhänger in der KP waren niemals vor seinen Intrigen sicher und lebten in ständiger Angst. Wie sich zeigte, zu Recht, denn als die Verheerungen der "Kulturrevolution" allenthalben sichtbar wurden und nicht mehr zu vertuschen waren, verstand Mao es geschickt, die Schuld hierfür seinen direkt Untergebenen in die Schuhe zu schieben.
Mao selbst regierte sein Land zumeist vom Bett aus, wo er auch Gäste zu empfangen pflegte. Er litt unter Schlaflosigkeit und Paranoia und seine Angst liess ihn möglichst jeden Kontakt zur Bevölkerung meiden. Selbst als es mit ihm zuende ging, kannte seine Rachdurst keine Grenzen. Als der im Ausland hoch geschätzte Chou En-lai, in Wirklichkeit eine von Maos willfährigsten Marionetten, an Krebs erkrankte, versagte Mao ihm die dringend benötigte Behandlung, weil er offensichtlich die beinahe kindische Befürchtung hegte, Chou könne ihn überleben. Als Mao 1976 schliesslich starb, hatte er kaum eines seiner Ziele erreicht. Im Gegenteil : China lag am Boden und hatte den Status eines Dritt-Welt-Landes, allerdings mit Atombomben. Die Bevölkerung vegetierte am Rande des Existenzminimums und war zutiefst traumatisiert. Eine der ältesten und reichsten Kulturen der Erde war beinahe ausgelöscht.
Natürlich kann man Jung Changs Buch eine gewisse Polemik vorwerfen, denn sie spricht Mao auch nicht eine einzige positive Eigenschaft zu. Mao erscheint als gewissenloser Sadist, der es mit der persönlichen Hygiene nicht allzu genau nahm und während seine Untertanen zu Tausenden brutal ermordet wurden, ständig über persönliche Wehwehchen zu klagen pflegte. Während er seinem Volk Enthaltsamkeit verordnete, liess er sich bis ins hohe Alter die schönsten Mädchen des Landes zuführen. Wie schon erwähnt, die meisten Fakten über Maos Herrschaft waren schon vorher bekannt. Einzeln betrachtet wurden sie jedoch zumeist verdrängt und so ist das grosse Verdienst dieses penibel recherchierten, fast tausend Seiten starken Buches die Konsolidierung der Fakten um einen umfassendne Überblick über eines der grausamsten Regime der Weltgeschichte zu geben. Und selbst wenn man den Autoren Polemik unterstellt und auch nur ein Drittel des Buches stimmen sollte, bleibt genug übrig, um den Mythos Mao zu zerstören. Die Kenntnis um Maos Herrschaft und seine Person wiederum ist wichtig, um Chinas heutige Entwicklung und Position zu verstehen. Chinas Probleme sind die Probleme der ganzen Welt und Chinas Geschichte ist Weltgeschichte.

 
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