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stalinistischen Sowjetunion ein positives Beispiel für
eine "gelungene" Revolution im Gegensatz zum "bösen"
Kommunismus Russlands. Doch nicht nur Linke gingen Maos
Propaganda auf den Leim. Selbst Richard Nixon, ansonsten
der Anfälligkeit für klassenkämpferische Theorien
eher unverdächtig, liess sich von Maos selbstkonstruiertem
Mythos blenden und sah in ihm einen möglichen Verbündeten
gegen die UDSSR. Dass Mao die Welt so geschickt täuschen
konnte, liegt an dem gnadenlosen Terror und der daraus resultierenden
permanenten Angst, unter der die chinesische Bevölkerung
und selbst führende Kader der KPC lebten und wohl auch an
einer romantischen Verklärung, die alles, was aus Asien kommt,
im Westen geniesst. So ist es nur logisch, dass eine chinesische
Autorin die Aufgabe übernehmen musste, das Bild Maos
zurechtzurücken. Zwölf Jahre lang arbeitete Jung
Chang, Autorin des Welterfolges "Wilde Schwäne",
zusammen mit ihrem Mann, dem Historiker Jon Halliday,
an dem Buch, durchforschte Archive und führte unzählige
Gespräche mit Zeitzeugen. Um einen Mythos zu stürzen,
muss man sich sehr gut absichern und so ist die Zahl der angeführten
Quellen beindruckend. Fast jede Aussage des Buches ist irgendwo
belegt. Das Verdienst der Autoren besteht in der chronologischen
Aneinanderreihung und Auflistung von Fakten, die selbst im Westen
schon immer irgendwo verfügbar waren, jedoch einzeln betrachtet
aus den angeführten Gründen offensichtlich verdrängt
wurden. Und so entsteht das erschreckende Bild eines Mannes, der
seinem persönlichen Machtstreben das Wohl der grössten
Nation der Erde opferte, jedoch aufgrund seiner Brutalität
und Menschenverachtung und nicht zuletzt seines geschickten Spieles
mit den (ausländischen) Medien, selbst seine zahlreichen
Misserfolge und Fehlleistungen als vermeintliche Erfolge darzustellen
wusste.
Schon als Kind fühlte sich Mao, Sohn armer Bauern,
zu Höherem berufen und verachtete das bäuerliche Leben
zutiefst. Mao war durchaus kein Gründungsmitglied
der kommunistischen Partei Chinas, sondern stiess erst später
dazu, weil er in der noch jungen Partei ein ideales Betätigungsfeld
für seinen überbordenden Ehrgeiz sah. Schon damals fiel
er seinen Genossen durch eine profunde Unkenntnis der kommunistischen
Theorie auf.
Diese Unsicherheit machte Mao jedoch durch seine Fähigkeit,
die Schwächen seiner Mitmenschen zu erkennen und einen Charakter,
der von keinerlei Skrupeln und moralischen Schranken geprägt
war wett und so gelang es ihm, innerhalb der Partei aufzusteigen
und das Kommando über grosse Teile der kommunistischen Armee
zu bekommen. Konkurrenten spielte er gegeneinander aus und liess
sie aus dem Weg räumen. Schon früh offenbarte er hierbei
seine Unbarmherzigkeit und Gefühlskälte, die selbst
vor engsten Mitgliedern seiner eigenen Familie nicht halt machte.
Im Gegensatz zu seiner Legende führte Mao nie einen
antiimperialistischen Kampf gegen die japanischen Besatzer, sondern
zog es vor, während andere kommunistische Generäle sich
duchaus am Kampf beteiligten, seine Truppen für den zu erwartenden
Endkampf um die Macht zu schonen. Auf der anderen Seite war er
später durchaus bereit, seine Armee zu opfern. So war der
"Lange Marsch" nicht das leuchtende Beispiel des kommunistischen
Befreiungskampfes,sondern entsprang zum einen Maos militärischer
Inkompetenz, zum anderen aber auch dem Kalkül, Stalin
würde ihn unterstützen, wenn er nur genug seiner Truppen
sinnlos opferte. Dass trotzdem überhaupt noch Angehörige
von Maos Truppe überlebten, liegt vor allem daran,
dass sein Gegenspieler Chiang Kai-shek genau diese Strategie
erkannt hatte und bewusst darauf verzichtete, Mao zu
vernichten.
Auf der anderen Seite lagen die Ursachen für Chiangs
spätere Niederlage nicht in Maos Stärke, sondern
vielmehr in Chiangs eigener Führungsschwäche
und seiner Zögerung, seine eigenen Reihen von kommunistischen
Spionen und Schläfern zu säubern. Mao wiederum
kannte hier keinerlei Skrupel und so war das Leben in den kommunistischen
Gebieten durchaus nicht das kommunistische Paradies, als das es
Edgar Snow beschrieb, sondern war das Ergebnis eiskalten
Terrors und willkürlicher Gewalt. Die Bauern, die Mao
ohnehin verachtete, wurden nicht befreit, sondern von den Kommunisten
ausgeplündert und Menschen wurden auf bestialische Weise
ermordet, einfach nur um eine gewisse Quote an Tötungen zu
erzielen. Dieser Terror wurde nach dem Sieg Maos auf
ganz China ausgeweitet.
Der "grosse Sprung nach vorn", wie Mao seine
Politik selbst verklärte, bestand hauptsächlich in Maos,
letztlich vergeblichem, Streben, China zu einer militärischen
und politischen Weltmacht zu machen. Allerdings hatte Mao
selbst keinen blassen Schimmer von Wirtschaftspolitik und so gipfelte
"der grosse Sprung nach vorn" in der vermutlich grössten
Hungerkatastrophe, die die Menschheit je erlebte. Während
Mao grosszügig Geld und Lebensmittel an durchaus
vermögendere Nationen veschenkte, um sich als Führer
der kommunistischen Welt zu präsentieren, starben über
30 Millionen chinesischer Bauern an Unterernährung. Mao
unterdrückte jede Form von Protest mit riesigen "Säuberungsaktionen"
und das Hauptproblem sah er auch hier vor allem darin, dass nicht
genügend Menschen getötet wurden. Er selbst liess Hinrichtungen
filmen und erlebte beim Ansehen der Filme "eine nie gekannte
Ekstase". Seine Gleichgültigkeit gegenüber seinen
Mitmenschen gipfelte in seinem Streben nach der Atombombe. Um
dieses Ziel zu erreichen, versuchte er mehrmals ein atomares Bedrohungsszenario
aufzubauen und die Sowjetunion in einen Konflikt mit den USA zu
treiben, wobei er den sowjetischen Führern erklärte,
China sei durchaus bereit als Austragungsort für einen nuklearen
Schlagabtausch zu dienen. Maos Verhalten wurde selbst
einem ausgewiesenen Massenmörder wie Stalin zusehends
suspekt und führte schliesslich unter Stalins gemässigteren
Nachfolgern zum entgültigen Zerwürfnis mit der Sowjetunion,
dass jedoch von Mao durchaus gewollt war, da er sich
selbst schon lange als wahren Führer der kommunistischen
Welt sah.
Mit der Zeit wurden jedoch selbst in China innerhalb der Führung
der KP Stimmen laut, die Maos Kurs anzweifelten. Mao
initiierte daraufhin die "Kulturrevolution", eine weitere,
gigantische Säuberungsaktion, bei der er sich besonders auf
die desillusionierte Jugend Chinas stützte und ihre Unzufriedenheit
ausnutzte, um oppositionelle Stimmen im Lande zum Schweigen zu
bringen. Auch Jung Chang war Mitglied der sogenannten
"Roten Garden", auf deren Konto unvorstellbare Grausamkeiten
im ganzen Lande gingen. Seine internen Kritiker verfolgte Mao
mit Rachsucht, liess sie zur Schau stellen, foltern und beseitigen.
Selbst Maos Anhänger in der KP waren niemals vor
seinen Intrigen sicher und lebten in ständiger Angst. Wie
sich zeigte, zu Recht, denn als die Verheerungen der "Kulturrevolution"
allenthalben sichtbar wurden und nicht mehr zu vertuschen waren,
verstand Mao es geschickt, die Schuld hierfür seinen
direkt Untergebenen in die Schuhe zu schieben.
Mao selbst regierte sein Land zumeist vom Bett aus, wo
er auch Gäste zu empfangen pflegte. Er litt unter Schlaflosigkeit
und Paranoia und seine Angst liess ihn möglichst jeden Kontakt
zur Bevölkerung meiden. Selbst als es mit ihm zuende ging,
kannte seine Rachdurst keine Grenzen. Als der im Ausland hoch
geschätzte Chou En-lai, in Wirklichkeit eine von
Maos willfährigsten Marionetten, an Krebs erkrankte,
versagte Mao ihm die dringend benötigte Behandlung,
weil er offensichtlich die beinahe kindische Befürchtung
hegte, Chou könne ihn überleben. Als Mao
1976 schliesslich starb, hatte er kaum eines seiner Ziele erreicht.
Im Gegenteil : China lag am Boden und hatte den Status eines Dritt-Welt-Landes,
allerdings mit Atombomben. Die Bevölkerung vegetierte am
Rande des Existenzminimums und war zutiefst traumatisiert. Eine
der ältesten und reichsten Kulturen der Erde war beinahe
ausgelöscht.
Natürlich kann man Jung Changs Buch eine gewisse
Polemik vorwerfen, denn sie spricht Mao auch nicht eine
einzige positive Eigenschaft zu. Mao erscheint als gewissenloser
Sadist, der es mit der persönlichen Hygiene nicht allzu genau
nahm und während seine Untertanen zu Tausenden brutal ermordet
wurden, ständig über persönliche Wehwehchen zu
klagen pflegte. Während er seinem Volk Enthaltsamkeit verordnete,
liess er sich bis ins hohe Alter die schönsten Mädchen
des Landes zuführen. Wie schon erwähnt, die meisten
Fakten über Maos Herrschaft waren schon vorher bekannt. Einzeln
betrachtet wurden sie jedoch zumeist verdrängt und so ist
das grosse Verdienst dieses penibel recherchierten, fast tausend
Seiten starken Buches die Konsolidierung der Fakten um einen umfassendne
Überblick über eines der grausamsten Regime der Weltgeschichte
zu geben. Und selbst wenn man den Autoren Polemik unterstellt
und auch nur ein Drittel des Buches stimmen sollte, bleibt genug
übrig, um den Mythos Mao zu zerstören. Die
Kenntnis um Maos Herrschaft und seine Person wiederum
ist wichtig, um Chinas heutige Entwicklung und Position zu verstehen.
Chinas Probleme sind die Probleme der ganzen Welt und Chinas Geschichte
ist Weltgeschichte.
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