GRAHAM GREENE : Der stille Amerikaner
dtv
Vietnam in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhundets : Die franzö- sische Kolonialmacht kämpft verzweifelt gegen die Befreiungs- bewegung des Vietminh. Die Amerikaner sind noch nicht am Krieg beteiligt, beginnen aber, die Ereignisse in Korea vor Augen, sich auch in Vietnam zu engagieren, da sie fürchten, das Land könne im Sinne ihrer unsäglichen Dominotheorie, ganz Asien mit dem Kommunismus infizieren.
Der alternde britische Journalist Thomas Fowler lebt mit seiner vietnamesischen Geliebten Phuong in Saigon und hat sich mit den Ereignissen einigermassen arrangiert. Seine Maxime ist, sich nirgend- wo einzumischen und den Konflikten gewissermassen von aussen zu betrachten Statt an Politik ist er vielmehr an der asiatischen Lebensart, verkörpert durch Phuong, interessiert.
Fowler wird aus seiner opiumverhangenen Lethargie gerissen, als er den jungen idealistischen Amerikaner Pyle kennenlernt, der für eine amerikanische Wohltätigkeitsorganisation arbeitet. Pyle ist besessen von der Mission Amerikas, die Welt zur Demokratie zu bekehren und den Kommunismus zu bekämpfen. Anfängs belächelt Fowler noch den scheinbar naiven Amerikaner, der auch Beschützerinstinkte in ihm weckt.

Als er jedoch seine Geliebte an Pyle verliert, beginnt er hinter die saubere Fassade des Amerikaners zu blicken und erkennt Abgründe, die ihn schliesslich an einen Punkt bringen, wo er selbst, angesichts der Ereignisse um ihn herum, Farbe bekennen muss.
"Der stille Amerikaner" ist eine Parabel auf die unterschiedlichen Sichtweisen des "alten" Europa und Amerikas. Fowler und Pyle kämpfen mit unterscheidlichen Mitteln um die Gunst Phuongs. Fowler repräsentiert die europäischen Kolonialmächte, die ihrer verlorenen Liebe - den alten Kolonien - nachweinen, während Pyle versucht, Phuong mit Versprechen von einer glücklichen Zukunft und einem Leben im gelobten Land, zu gewinnen, aber auch vor der Anwendung von Gewalt nicht zurückschreckt, um seine Ziele zu erreichen.
Man hat Greenes Roman oft vorgeworfen, anti-amerikanisch zu sein, und das ist er auch. Selbst Greene hat nie einen Hehl aus seiner Abneigung gegenüber der amerikanischen Politik gemacht. Obwohl schon 1955, also noch vor dem Beginn des sogenannten "amerikanischen Vietnamkrieges" geschrieben, mutet Greenes Roman, gerade im Hinblick auf den neuen amerikanischen Krieg im Irak, geradezu visionär an und hat nichts von seiner Aktualität verloren. Nebenbei ist er ein "echter" Greene und bietet vor exotischer Kulisse eine wunderschöne Liebesgeschichte, die sich zu einem Krimi auswächst, dessen Protagonisten in den Strudel der weltpolitischen Éreignisse gerissen werden.

"Der stille Amerikaner" wurde im Jahre 2001 von dem australischen Regisseur Phillip Noyce verfilmt, der Filmstart wurde jedoch wegen des 11. September verschoben. Als er dann doch veröffentlicht wurde, war er wegen des Irakkrieges aktueller denn je : die Figur des Pyle erinnerte jeden frappierend an die Neo-Konservativen die in Washington das Ruder in der Hand halten.

 
Bestellen :
   
 
Kontakt fuer Fragen, Anregungen, zusaetzliche Infos und Kritik : hier
copyright © 2002 - 2008 Jörg Overbeck