BOHDAN ARCT : Kamikaze
Weymann Bauer Verlag
Nuwami Taroo ist ein Junge im japanischen Kaiserreich zur Zeit des Zweiten Weltkrieges und wächst im Glauben an die vermeintliche Grösse der Nation und die bedingungslose Treue zum Kaiser auf. Seine Leidenschaft ist jedoch die Fliegerei und so ist es für ihn, den Sieger der Segelflugmeisterschaft, keine Frage, sich mit fünfzehn Jahren für den Einsatz in einem Jagdfliegergeschwader zu melden. Schon die erste Nacht auf dem Stützpunkt zerstört jedoch brutal seine Träumereien. Die Ausbildung zum Jagdflieger ist mörderisch. Ziel der Ausbildung ist es, die eigene Persönlichkeit der Rekruten zu brechen und sie zu reinen Kampfmaschinen, den Samurai der Lüfte, zu ma- chen. Schläge und Demütigungen sind an der Tagesordnung. Todes- fälle und Selbstmorde werden als eine Art natürlicher Auslese angesehen. Auch Taroo denkt an Selbstmord, aber u.a. auch wegen seines enormen Talentes als Flieger gelingt es ihm, die Ausbildung zu überstehen.
Mittlerweile hat sich die militärische Lage gründlich verändert. Die siegesgewohnte japanische Armee ist in die Defensive geraten, ihre Kriegstechnologie veraltet und den alliierten Streitkräften weit unterlegen.

Da macht ein Mythos die Runde : Kamikaze. Junge Piloten, die sich mit ihren Maschinen als menschliche Bomben auf ihre Gegner stürzen, sollen das japanische Kaiserreich vor der Niederlage bewahren, so wie hunderte Jahre bevor ein Taifun - Kamikaze heisst "Götterwind" - schon einmal die unterlegene japanische Armee vor den Mongolen rettete. Obwohl der militärische Nutzen äusserst fragwürdig ist, werden schnell überall im Lande Kamikaze-Geschwader aufgestellt. Auch Taroo, der sich inzwischen verliebt hat, wird einem dieser Geschwader zugeteilt, allerdings anfangs als Geleitflieger. Seine Leistungen als Jagdflieger bewahren ihn zunächst vor dem "freiwilligen" Selbstmordeinsatz. Um ihn herum lichten sich jedoch die Reihen seiner Kameraden und Taroo weiss, dass auch er irgendwann den todbringenden Befehl erhalten wird und erkennt gleichzeitig, wie sehr er doch am Leben hängt.
Für seinen Roman verarbeitete der polnische Autor Bohdan Arct (1914-1973) die Tagebuchaufzeichnungen eines japanischen Piloten. Arct, im Zweiten Weltkrieg selbst Jagdflieger, gelingt es, die Zerissenheit der Hauptfigur einfühlsam darzustellen. Die Beschreibung des monotonen Lebens zwischen Cockpit, Fliegerbaracke und Kasino, nur von Momenten des nackten Überlebenskampfes und reiner Todesangst unterbrochen, beruht vermutlich auf eigenen Erfahrungen. Obwohl Arct nach eigener Auskunft nie in Japan war, kann er sich und den Leser sehr gut in die Welt eines Menschen aus einer völlig anderen Kultur und Gedankenwelt hineinversetzen. Die japanischen Piloten werden ausnahmsweise einmal nicht als seelenlose ,"Banzai" brüllende Schlächter dargestellt und man erfährt, dass ihnen ihre vermeintliche Todesverachtung, die auch heute noch in Japan kultisch verehrt wird, in der Regel mit Unmengen von Alkohol eingeflösst wurde. Am Ende erkennt man, dass es letztlich die Angst vor dem Tod ist, die alle Menschen über ideologische Gren- zen hinweg verbindet.

Ein Buch, das nachdenklich stimmt und vielleicht auch einmal von den Menschen, die ihre vermeintlichen Kriegshelden regelmässig am Tokioter Yasukuni-Schrein kultisch verehren - einschliesslich wichtiger japani- scher Regierunsvertreter -, gelesen werden sollte.

 
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